Raus aus der Tretmühle! – Rein in lebendige Freiheit & Unabhängigkeit!
Arbeit, Träume & Leben im Einklang. – Den eigenen Weg leben!

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Durfte sie so etwas Schönes sehen? Solch eine unglaubliche, fast vergessene innere Ruhe spüren? Registrieren, dass ein leises Lächeln über ihr Gesicht zog? Sie hatte beinahe verlernt, zu spüren, welch eine unglaubliche, einfach vom Leben geschenkte Freude daraus entstehen konnte, sich nur in einer schönen, Harmonie ausstrahlenden Umgebung aufzuhalten, Natur zu genießen und nichts weiter zu tun, als zu sein. Nur im Augenblick existieren, ohne Schmerz und Entsetzen über Vergangenes und ohne grübelnde und angstvolle Gedanken an die Zukunft.

Trotzdem, durfte sie sich so glücklich, derart befreit und zufrieden fühlen, so voller Gelassenheit sein? Nach dem, was sie getan hatte? Sie hatte getötet! Sie hatte gequält, voller Wut nein, voller Rage hatte sie einen Menschen langsam und qualvoll umgebracht! Nicht ohne Grund, nein, dieser Mann hatte sie ebenfalls gequält. Und das nicht nur für ein paar Stunden, sondern jahrelang, über fast vier Jahre. Immer wieder, immer, immer wieder! Und auch er hatte sie getötet, jahrelang! Jedes Mal ein bisschen mehr. Er hatte ihre Seele umgebracht. So sehr, dass sie bereits vor mehr als zwei Jahren geglaubt hatte, gar keine mehr zu besitzen. Gedacht hatte, dass sie nun ohnehin nichts mehr fühlen, keinen weiteren Schmerz mehr spüren, nicht weiteres mehr verlieren könnte.

Aber er hatte es trotzdem geschafft, auf ganz perfide Art immer wieder ihr jedes, ja wirklich jedes winzige aus der Todesstarre neu erwachende Stückchen Seele noch und noch einmal zu zerstören. Manchmal hatte er besser als sie selbst gespürt, dass noch nicht alles an ihr tot war. Und mit dem sicheren Gespür eines entsetzlichen Sadisten hatte er immer wieder bemerkt, wo und womit er sie am besten noch ein bisschen perfekter zerstören konnte.

Er hatte auch genau gewusst, dass sie vor ein paar Wochen zu ihrem eigenen Erstaunen ein großes Stück ihrer doch längst gestorbenen Seele wieder neu belebt hatte. Nein, nicht sie hatte es wiederbelebt! So viel Kraft hatte sie gar nicht mehr besessen. Aber der Himmel hatte ihr gesandt, was sie zum Überleben wie eine Ertrinkende gebraucht hatte. Janos war wieder in ihr Leben getreten und mit ihm Nuria. Niemals in den letzten Jahren hatte sie sich noch gedacht, dass sie diesen beiden Menschen, die einmal das Wichtigste in ihrem Leben gewesen waren, jemals wieder begegnen würde.

Aber dann war auf einmal, Anfang Mai, Janos in ihrem Zimmer im Bordell gestanden und hatte sie in einer Mischung aus Liebe, Entsetzen und Ekel angesehen.

„Habe ich dich wirklich zu Recht fast vier Jahre lang gesucht?“, wollte er wissen. Bei der Erinnerung an diesen Moment begann sie genau so zu zittern, wie sie vor etwa eineinhalb Monaten gezittert hatte. Fast verzweifelt blickte sie jetzt um sich. Doch noch immer umgab sie eine zauberhafte Landschaft.

Sie sehnte sich danach, sich an das staunende Wohlgefühl von vor wenigen Minuten wieder anzubinden. Erleichtert stellte sie fest, dass es funktionierte. Es war wahrhaftig so unglaublich schön hier. Am Himmel gab es einen Mix aus Wolken und leuchtend blauen Wolkenlöchern. Es war warm. Vielleicht fünfundzwanzig Grad und etwas schwül. Aber das wirkte sich hier im Schatten, auf der Bank unter der riesigen Buche gar nicht belastend aus.

Von der Bank aus sah sie ins Tal. Sie saß etwas erhöht und erblickte zu ihrer Rechten einen Wald und talwärts, in Richtung der Straße zwischen Freiburg und Ehrenstetten einen Weinberg, durchmischt mit Felsen und kleinen Wiesenstücken. Davor gab es einige Häuser eines landwirtschaftlichen Betriebes und große Obst-, Gemüse und Wiesenflächen.

Am schönsten aber war es links von Ihr. Dort begann unmittelbar vor der Bank eine noch nicht gemähte Wiese. Die Grasähren waren schon gereift, trocken und glänzten fast golden im Licht. Es hatte in den letzten Wochen kein Wetter dafür gegeben, Heu zu machen. Die Wiese war zudem überfüllt mit bunten Blumen. Über denen flatterten verschiedene Arten von Schmetterlingen. Hinter der Wiese leuchtete das satte Grün eines noch jungen Weizenfeldes, es gab eine schon abgemähte Wiese, die wieder mit leuchtendem Grün nachwuchs und eine weitere, die noch der Heuernte harrte. Anschließend stieg ein bewaldeter Hang an. Übersät war er mit nun im Juni dunkelgrünen Laubbäumen. Aber einige schneller wachsende Nadelbäume ragten aus diesem Wald hervor. Und eine Gruppe von zwei größeren und einem etwas kleineren Nadelbaum kam ihr vor, wie ihre wiedergefundene Familie. Für sie selbst stand eine arg zerrupfte Fichte, an der auch einige Äste verdorrt waren. Ja, so stand sie neben ihrem Mann und ihrer Tochter. Arg zerrupft, aber immerhin stand sie. Immerhin, sie lebte! Waren diese kaputten Äste zu verschmerzen, vielleicht sogar zu heilen?

Während sie dankbar auf das Zwitschern der Vögel lauschte und den Schmetterlingen zusah, kam wieder die Frage hoch, die sie heute bereits den ganzen Tag quälte. War ihre Tat vor dem Himmel so schlimm und schwerwiegend, dass sie damit ihr Recht auf ein schönes Leben verwirkt hatte? Zeigte ihr die ausgleichende Gerechtigkeit gerade, mit welchen unglaublich schönen Momenten sie nun für alles entschädigt werden sollte, was sie in den letzten Jahren erduldet hatte? Oder konnte sie nun nur noch einmal sehen, was sie hätte haben können, wenn sie nicht versucht hätte, zum Ausgleich für all ihr Leiden der letzten Jahre das Geld von Thorsten zu stehlen? Wenn sie ihn nicht umgebracht hätte?

Als sie das Geld stehlen wollte, hatte Bergmann sie erwischt. Er war wohl früher aus seiner Sauna zurückgekehrt und stand nun in Slip und Bademantel vor ihr. Noch immer irritierte es sie, dass sie deswegen fast Erleichterung empfunden hatte. Erleichterung, dass er in dem Moment, als sie sich mit dem Geld in der Hand umgedreht hatte, plötzlich in der Tür gestanden war. Aber obwohl sie ihm mit ihrem so oft geschundenen Leib ein Vielfaches dieser riesigen Summe von vierundneunzigtausendsiebenhundertachtundzwanzig Euro verdient hatte. Sie hatte sich schlecht gefühlt, als sie es an sich genommen hatte und als sie es einstecken wollte.

Dann aber war ihre plötzliche Erleichterung einer panischen Angst gewichen. Thorsten Bergmann hatte ihr das Geld nicht sofort weggenommen. Er hatte nur die Tür geschlossen und sie mit einem frostigen Blick angesehen, der ihr eiskalt ums Herz werden ließ. Dann hatte er sie am Genick gepackt, sie dort mit seinen krallenartigen, langen Fingernägeln schmerzhaft verletzt, und sie zum Aufzug in die Tiefgarage geschleift. Seltsamerweise hatte sie währenddessen noch immer das riesige Bündel Geld in der Hand gehalten. Nachdem er sie in sein Auto gestoßen hatte, hatte er ihr die vielen Scheine aus der Hand genommen und es in die Mittelkonsole gelegt. Dann war er mit ihr in Richtung der Autobahnauffahrt Nord gefahren.

Unterwegs hatte er sie gefragt, ob sie wirklich glaube, dass er nicht bemerkt habe, dass der junge Kerl, der in den letzten Wochen vier Mal bei ihr gewesen sei, ein Landsmann von ihr war. Genauso schnell habe er erfahren, dass der damals ihr Verlobter gewesen war. Dann habe ihm ein Informant letzte Woche berichtet, dass sie mit diesem Mann und einem kleinen Mädchen in Herdern einen Kaffee getrunken habe.

Aber so leicht lasse er sich nicht ausbooten. Den Kerl werde er umbringen lassen und damit der nie wieder auf die Idee kommen werde, ihr Flausen in den Kopf zu setzen. Und auch mit ihr ins Bett zu gehen, könne der vergessen. Davor werde er ihm den Schwanz und die Eier abschneiden lassen. Für die Kleine habe er bereits einen Käufer. Der mache Filme fürs Internet mit kleinen Kindern. Und man habe ihm berichtet, die Kleine sei wirklich niedlich.

Sie war anfangs völlig erstarrt gewesen. Aber schon seine Drohung, Janos zu töten hatte ihre übliche Erstarrung etwas gelöst. Bei der Ankündigung, ihren Geliebten zu kastrieren, hatte sie begonnen, zu überlegen, wie sie ihn ausschalten könnte und als er ihr androhte, Nuria verkaufen zu wollen, hatte sie die rostige eiserne Statue, wohl einen Pokal, auf dem Rücksitz gesehen. Als er ihr gerade mitteilte, dass und wie ihre kleine, gerade fünfjährige Tochter missbraucht werden sollte, schlug sie mit aller Kraft zu.

Das Auto geriet ins Schleudern, als Bergmann zusammensackte. Das Blut rann aus der aufgeplatzten Wunde hinten an seinem Kopf. Sie war geistesgegenwärtig genug, das Lenkrad zu greifen, sogar die Handbremse zu ziehen und sie schaffte es die Parkstellung einrasten zu lassen. Genauso schnell war ihr bewusst, dass sie hier nicht bleiben konnte. Sofort war ihr auch klar, dass der niedergeschlagene Mann eine große Gefahr für sie war. Sie hatte auf dem Rücksitz ein großes Paket mit Kabelbindern gesehen. Solche hatte sie auch oft zu spüren bekommen. So fesselte sie Bergmann die Hände und die Arme auf dem Rücken und zurrte zwei Bänder um beide Oberschenkel und Waden, um ihm ein Treten oder Laufen unmöglich zu machen. Dann zerrte sie ihn mit aller ihr möglichen Kraft auf den Beifahrersitz. Fast hätte sie es nicht geschafft, ihn dorthin zu bekommen, aber die Aufregung verlieh ihr ungeahnte Kraft und endlich war es ihr gelungen, den großen Kerl dorthin zu ziehen. Dann setzte sie sich ans Steuer. Vorsichtig versuchte sie, den Wagen zu fahren. Es war lange her, dass sie ein Auto gefahren hatte und sie fühlte sich unsicher. So bog sie in einen Waldweg ab und hielt an. Dann schleifte sie Bergmann unter Aufbietung aller Kräfte aus dem Auto und mit Hilfe seines Bademantels, auf dem er saß, in ein dichtes Gebüsch. Dabei erwachte er und begann wieder, sie selbst, Janos und Nuria aufs Unflätigste zu beschimpfen und zudem böse Drohungen auszustoßen.

Irgendwann war sie ausgerastet. Eigentlich hatte sie ihn nur an einen Baum binden und abhauen wollen. Aber dann hatten seine Worte sie in eine solch eiskalte und doch glühende Rage gebracht, dass irgendetwas bei ihr umgesprungen war.

Nicht nur alle Schmerzen, jede Misshandlung durch ihn oder die Freier, die er zu ihr schickte, alle unterdrückte Wut, ja eine richtige Raserei kamen in ihr hoch. Zusätzlich auch die Drohungen gegen die Menschen, die wieder zu sehen, ihr endlich erneut ein Stück Lebendigkeit, endlich wieder Hoffnung und Liebe, etwas Zugehörigkeit und Verbindung zurückgegeben hatten, sorgten dafür, dass sie den Hass, den die Raserei in ihr auslöste auch nicht mehr wegdrängen konnte. Sie wollte es auch nicht mehr.

Auf einmal war ihr absolut klar, dass Bergmann nicht nur sterben musste, um für sie und die Ihren keine Bedrohung mehr zu sein. Plötzlich wusste sie auch, dass sie nicht nur den Tod dieses Ungeheuers wollte und brauchte. Sie wollte, dass auch er litt. Sie wollte, dass er endlich spürte, am eigenen Leib erfuhr, was er ihr und all den Frauen angetan hatte, die er jahrelang gequält hatte.